Art Rock: Pink Floyds The Wall
by sebastian
»Es gibt einfach Alben, zu denen man sich äußern MUß. “The Wall” gehört nicht dazu. Das entnehme ich jedenfalls den Rezensionen meiner Vorgänger. Trotzdem will ich hier etwas ergänzen.«
Lautet das trockene Urteil von Nik Brückner auf den BBS zu Pink Floyds Monsterprojekt »The Wall«. Ich muss da ganz entscheidend wiedersprechen; The Wall war riesig, The Wall ist nach wie vor bezeichnend für die Band und The Wall gehört zu den Platten, die das Kunststückchen vollbracht haben, mit ‘angeartetem’, theatralischen Rock in der 2. Hälfte der 70er noch zum Superseller zu werden.
Jeder kennt die zynische Hitsingle »The Wall Part 2« aka »We Don’t Need No Education«. Für viele Leute ist das die Hymne schlechthin, wenn es um das Thema, äh ja, worum zur Hölle geht es in dem Lied eigentlich? Stumpfe Systemkritik wäre zu einfach, das sagt ja auch schon der leicht konfuse Titel. Oder doch? Dann muss man Waters durchaus scharfe Ironie gegen seine Audienz vorwerfen ((1977) Hey Dave, I bet I get ‘em shouting something as stupid as ‘We don’t need no..’, that would be ridicoulus wouldn’t it? I mean they where so mean to me, now I’m mean to them. (1980) Hah, beat that! I’m awesome!). So wirklich schlau wird man daraus nicht; irgendwann glaubt man dann sogar, dass das garnicht möglich, nötig ist.
Der Rest des Albums fristet sich in ähnlicher bedeutungsschwangerer Bedeutungslosigkeit. Überall donnert es, wird geschrien, verflucht, wird versöhnt, wird doch wieder zurückgenommen, beschuldigt und nicht aufgelöst. Der Rog wollte mit der Scheibe jedem in’s Gesicht spucken, und das ist ihm letzten Endes auch reichlich gelungen. Der Hörer fühlt sich im besten Falle nach dem Hören schuldig oder sympathisiert sich gar mit dem emotionalen Klotz voller Ablehnung und Selbstmitleid, im schlechtesten ist er von der allgegenwärtigen Agression verschreckt.
Interessant ist in diesem Zusammenhang zu sehen, dass das ganze Konzert 1990 von Waters auf dem Potsdamer Platz zu Ehren seiner Pers– äh der deutschen Einheit nochmal in richtig groß aufgezogen wurde: Unter anderem mit Unterstützung von den Scorpions, Sinéad O’Connor, Van Morrison und The Band feierte Roger Waters in künstlerisch sehr zweifelhafter Weise (The Wall in Berlin ist einfach in jeder Hinsicht völlig misslungen) vorallem Roger Waters. Das Ding muss sich damals so gut verkauft haben, weil sich ne ganze Generation gebrochener ‘Rockfans’ von Clash und den Pistols überrollt empathische Beziehungen zu Rogers Mauer aufgebaut haben. Eine Art Opfersolidarisierung, getrieben von supertrampesken Funkgitarren und stampfenden Discorhythmen.
Nichtsdestrotrotz: Die Platte muss jeder gehört haben, einfach weil es in der Größe Rockgeschichte, andererseits in der Verkopfung einzigartig ist. Und es gibt viele, viele ganz großartige Momente darauf zu finden, für die es sich unheimlich lohnt.